Neulich ist Hilde was komisches passiert: Sie bekam Besuch, hohen Besuch, Besuch, der sich weder anmeldete, noch erzählte, wie lange er zu bleiben gedachte, noch besonders anspruchsvoll war. Aber der Reihe nach:
Erwartet hatte sie ihn ja schon lange, darauf hingearbeitet, ihn eingeladen, ihm alles bereits vor Jahren so angenehm wie möglich gemacht. Und kennen, ja kennen: sie kannte den Ersehnten schon lange, ihn und seinen kleinen, nervenaufreibenden und äußerst anstrengenden Bruder. Seinen Bruder, der sie oft ausbrannte und trotzdem motivierte, an ihren Kräften zerrte, sie Freunde und Familie oft vergessen ließ.
Der kleine Bruder ging bei Hilde im Gegensatz zu dem großen Bruder schon lange ein und aus. Ohne Einladung hatte er sich in ihr Leben geschlichen und war da geblieben – war selbstverständlich geworden, war bei ihr beim Aufstehen, beim Zu-Bett-Gehen, beim Essen, Trinken, Atmen. Seine zarte Stimme flüsterte beständig auf Hilde ein, trieb sie an, motivierte sie und ließ sie manche Nacht unruhig durch die Straßen ziehen. Und obgleich der kleine Bruder beständig um sie rum war, nervte er Hilde nicht, war vielmehr Teil ihrer selbst – und sie, sie hegte ihn, dankte ihm seine Anwesenheit und sehnte sich doch nach dem Großen.
Und neulich, neulich war er dann einfach da, der große Bruder ihres kleinen Ratgebers. Strahlend kam er, lockte sie mit seinem Glanz, seinem Duft, seiner Aura, zog sie magisch an. Der große Bruder nahm sie in seine Arme, hüllte sie ein, schützte sie und eine Nacht gab sich Hilde diesem wohligen Gefühl hin. Des Morgens jedoch, des Morgens betrachtete sie den kleinen, ausgemergelten und drahtigen kleinen Bruder des Heilands, der unglücklich und unnütz in der Ecke saß und nahm sich seiner an – ließ ihn wieder in ihr Herz, vergaß den großen Bruder und konzentrierte sich auf den kleinen, der zwar so viel unbequemer war, ihr aber Zeit ihres Lebens mit Rat und Tat zur Seite gestanden hatte. Sie sah plötzlich seine Weisheit, seine Weitsicht, seine Kraft, die Hilde immer voran gebracht hatte und sie sah die Obreflächlichkeit des Bruders, die Gefahr des Stehenbleibens und Nicht-Weiterentwickelns, die von ihm ausging. Seufzend wandte sie sich ab, nachdem sie einen letzten Blick auf den so lang ersehnten Besuch geworfen hatte und ging gemeinsam mit dm kleinen Bruder ihrer Wege.
Als sie abends in Begleitung des kleinen Bruders nach Hause kam, stellet sie erstaunt fest, dass der große Bruder ihnen folgte und offenbar den ganzen Tag gefolgt war. Irritiert blickte sie ihn an, strich dem kleinen Bruder dann über den Kopf, ging nach Hause und nahm beide Brüder mit.
In der Nacht, als Hilde schlief, sprachen die Brüder die ersten Worte miteinander: “Mein lieber Ehrgeiz, Bruder, du hast es gut getroffen. Du hast Hilde weit gebracht und selbst ich vermag sie nicht von Dir zu lösen. Ich werde hier bleiben und Euer Leben erhellen.” “Fein”, sagte daraufhin der Ehrgeiz zu seinem Bruder Erfolg, “Du bist uns herzlich willkommen und sollst dieses Haus erst verlassen, wenn Hilde beginnt, mich zu vernachlässigen.”
This entry was posted on Monday, July 16th, 2007 at 4:06 pm and is filed under Uncategorized. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.
… nur wer fest auf der Erde steht kann nach dem Himmel greifen.
Danke für alles was war und was kommt.