Klaus hatte schon immer ein Faible für Autos. Die erste Jahre seines Lebens entwickelte er sich ganz so, wie jedes Kind in seinem Alter: Erste Krabbelversuche, später tollpatschige Schritte. Sein Lieblingsspielzeug durfte natürlich nie fehlen. Im Alter von knapp 2 Jahren durchlief er die allseits bekannte und nervtötende Schubladenphase. Jeder Schrank, jede Schublade, jede Klappe riss Klein-Klaus begeistert auf und kehrte das Unterste nach oben. Im Gegensatz zu seinen Krippenkumpels jedoch hinterließ er nie ein Schlachtfeld, sondern räumte alles in haargenau der Reihenfolge wieder ein, wie er es kurze Zeit zuvor heraus gekramt hatte.
Zu seinem 2. Geburtstag bekam er sein erstes Plastikauto geschenkt. Ein großes, zum drauf sitzen und rum fahren. Klaus wollte aber nicht rum fahren, nein. Strahlend hockte er sich neben dieses Kindergefährt und popelte an den Schrauben und Muttern und Verbindungen rum. Nur zwei Tage später hatte er es vollbracht, das Plastikvehikel lag in allen Einzelteilen vor ihm. Und angestrengt, mit vorgeschobener Unterlippe und kleinen Schweißtröpfchen auf der Kinderstirn, baute und schraubte er verbissen, bis das Autochen wieder im Ganzen vor ihm stand.
Während seiner Schulzeit erwies sich Klaus als fleißiger Schüler, begabt auf naturwissenschaftlichen und technischen Gebiet und durchschnittlich im Bereich der schönen Künste. Ein ganz normaler Junge. Trotzdem entwickelte er sich mehr und mehr zum Einzelgänger. Stupides Toben und Raufen war nichts für ihn, er wollte bauen, schrauben, basteln. Er befasste sich mit Modellbaukästen, baute Schiffe, Autos, Tiere.
Mit 11 dann das Schlüsselerlebnis: Er lernte Mutters neuen Freund und dessen Auto kennen. Klaus hatte bis dato nie ein solches Auto gesehen. Komisch sah es irgendwie aus. Komisch, aber schön. Kurze Zeit später nahm ihn der Freund dann das erste Mal in seine kleine Werkstatt mit. Die war eigentlich eine Garage und obgleich Klaus nicht begriff, warum der Freund die Garage Werkstatt nannte, spürte er das Besondere dieses Augenblickes. Der Freund lehrte Klaus den Zweck eines jeden Werkzeuges und erklärte ihm, was ein Viertakt- was ein Zweitaktmotor, was ein Keilriemen und was und wo genau die Ölwanne war. Es dauerte nicht lang und Klaus wusste jedes noch so kleine Teil eines Autos zu benennen und kannte dessen Zweck. Mit 12 durfte er das erste Mal an dem Wunderwagen selbst Hand anlegen und er konnte seinen Schraub-und Bastelzwang voll ausleben. Wenig später verließ die Mutter den Freund. Klaus hasste sie dafür.
Mit 18 Jahren machte Klaus Abitur und nahm ein Wirtschaftstudium auf. Seine Mutter hatte ihn bedrängt, doch etwas Vernünftiges mit sehr guten Gehaltsaussichten zu studieren. Und Klaus hatte nachgegeben. Zwei Wochen vor Beginn seines 1. Semesters zog er in ein Wohnheim, einen großen grauen Kasten mit vielen viel zu kleinen Fenstern. Das Wohnheim erinnerte Klaus an einen Pappkarton, in den eine Maus viele kleine Löcher reingefressen hatte. Schäbig sah es aus, schmutzig und trist. Der Eindruck setzte sich im Inneren des Hauses fort. Kleine Dreckzimmer, jeweils zu dritt bewohnt. Pro Etage zwei Waschräume und zwei Klos, außerdem eine Küche mit einem verdreckten Kühlschrank, einem verkrusteten Herd, einem Tisch und klapprigen Stühlen. Einer seiner neuen Zimmergenossen hieß Fritz und studierte Fahrzeugbau. Klaus wusste nicht, dass es einen solchen Studiengang überhaupt gab und beneidete Fritz. Fritz und Klaus waren bald dicke Kumpels und durch Fritz konnte Klaus endlich wieder seine wahre Leidenschaft ausleben: an Autos schrauben. Nach Herzenslust ließ Fritz ihn an seinem fahrbaren Untersatz rumbasteln. Klaus baute alte Teile aus, neue ein und ließ Fritzchens Auto bald zum Prachtstück werden. Klaus’ Begabung sprach sich schnell herum und jeder seines Umfelds, der Sorgen, Nöte oder Verbesserungswünsche in Bezug auf sein Auto hatte, ging zu Klaus. An die Uni ging er kaum, die langweilte ihn. Kurz vor Weihnachten, Klaus gab sich rund um die Uhr seiner Leidenschaft hin, sprach Fritz schließlich aus, was er schon lange dachte: Er schlug Klaus vor, das Studium zu schmeißen und sich mit einer eigenen Werkstatt selbstständig zu machen. Gesagt, getan und schnell Omas Sparstrumpf für das Startkapital geplündert. Binnen weniger Wochen eröffnete Klaus seine erste eigene Werkstatt. Kurze Zeit später konnte Klaus regelmäßige und finanzschwere Kunden begrüßen.
Heute besitzt Klaus eine der größten Werkstattketten Europas. Er ist viel unterwegs, ständig damit beschäftigt, fähiges Personal zu finden und in jeder Werkstatt nach dem Rechten zu sehen.
Neulich fragte ihn jemand, warum in aller Welt er immer mit Bahn und Taxi unterwegs sei. Klaus antworte, er habe keinen Führerschein. Er habe nie Zeit gehabt, sich um solche Nebensächlichkeiten zu kümmern. Und wenn es einen Kunden störe, so habe jener wohl den Blick für das Wesentliche verloren.
This entry was posted on Monday, March 26th, 2007 at 1:27 pm and is filed under Uncategorized. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.